“Feuilletonsoziologie” und “kluge Soziologie”
Eröffnungszitat
Folgender tweet von sewenz erregte jüngst meine Aufmerksamkeit:
Es ist wirklich Zeit, kluge Soziologen zu Wort kommen zu lassen; das folgende Radiokolleg hilft da wohl nicht: http://tinyurl.com/yd5k6ok.
Stellt sich (mir) die Frage:
Was genau sind nochmal “kluge Soziologen”?
Antwort swenz:
@berndweiss Nach der sog. “Mannheimer Ungleichung” gilt: Kluge Soziologen != Feuilletonsoziologen
Zustimmung meinerseits:
Zu wahr! RT @sewenz: Nach der sog. “Mannheimer Ungleichung” gilt: Kluge Soziologen != Feuilletonsoziologen.
Soziologie als gebrochene Wissenschaft
Das Interesse der Soziologie gilt menschlichem (sozialem) Handeln. Max Weber hat Soziologie und soziales Handeln wie folgt aufeinander bezogen:
“Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten […] heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist “.
Grob gesagt: Soziologen/innen interessieren sich für gesellschaftliche Prozesse. Wenngleich der übergreifende Forschungsgegenstand von Soziologie (relativ) klar ist (“Gesellschaft”, “soziales Handeln”), ist Soziologie gleichwohl weit davon entfernt, eine Wissenschaft zu sein, die sich durch eine wie auch immer geartete Einigkeit auszeichnet — weder in theoretischer noch methodologischer Hinsicht. Diese “Brüche” lassen sich auf verschiedenen Dimensionen verorten. Ein oben angesprochener Bruch ist also “Feuilletonsoziologie” vs. “…”. Tja, was denn eigentlich? Ich bitte um Geduld, die Antwort verzögert sich noch etwas.
Feuilletonsoziologie als Bruchstück
Erst einmal gilt es zu klären, was “Feuilletonsoziologie” (für mich) ist. Einen ersten Eindruck, was das sein könnte, liefert Jürgen Kaube mit “Der Soziologe im Feuilleton” im Deutschlandradio:
“Zur Erbschaft der Frankfurter Schule, der die Bundesrepublik so viel verdankt, gehört eine Soziologie, die der Universität entwachsen ist und sich frei in den Medien, vor allem im Feuilleton äußert. Adorno machte es vor; Zeitungsartikel und Radiovorträge bilden einen selbstverständlichen Teil seines Oeuvres. Der Soziologe engagierte sich wie selbstverständlich bei der Journaille, wie seine orthodox akademischen Kollegen verächtlich sagten.
Dem Feuilleton bringt der Soziologe erhebliche Vorteile ein. Vor allem vermehren sich die Themen ins Unermessliche. Statt den engen Vorgaben des Bildungskanons zu folgen und nur über das Theater und die Musik, über die Ölmalerei, die Vers- und Erzählkunst zu sinnieren, darf der Soziologe im Feuilleton Fußball und Computerspiele und Popmusik bearbeiten und dazu noch ihre Anschlussfähigkeit zu Hölderlin und dem späten Beethoven und der neuesten französischen Theorie prüfen.”
Rudolf Walther schreibt in der taz über “Die Bindestrichgesellschafter” [1]:
In der Feuilletonsoziologie verhält es sich genau umgekehrt: Man verleimt hier Wörter, um im Handstreich Plausibilität zu erobern. “Autogesellschaft”, das versteht sogar der, der keines hat, aber schöne Bilder vom Stau gesehen hat am Fernsehgerät.
Offensichtlich ist der Begriff “Feuilletonsoziologie” kein nett gemeinter Begriff, sondern es geht (häufig) um die Deutungshoheit sozialer Phänomene unbelastet von empirischer (qualitativer oder quantitativer) Evidenz. Da sich die “Feuilletonsoziologie” häufig über konkrete soziale Sachverhalte auslässt, ist sie eine Variante der “angewandten Soziologie” (besser: möchte es sein). Was setzten “kluge Soziologen/innen”, die “kluge [angewandte] Soziologie” betreiben, dagegen? Daten. Empirische Belege jenseits des Fabulierens. In der Einleitung zu “Angewandte Soziologie” (Festschrift anlässlich der Emeritierung von Jürgen Friedrichs) wird (in meinem Sinne kluge) “angewandte Soziologie” folgendermaßen gedeutet:
“Angewandte Soziologie ist der Versuch, allgemeine Theorien systematisch auf konkrete soziale Sachverhalte zu übertragen und diese zu erklären. Damit erfordert sie die Auseinandersetzung mit Themen der allgemeinen Soziologie, die theoretisch angeleitete empirische Analyse sozialer Sachverhalte und die Entwicklung eines sicheren methodologischen Standpunkts” (Kecskes et al. 2004: 9).
Zurückrudern und Schluss
Ausgangspunkt dieses kurzen Postings ist das Zitat von sewenz und ein (meinerseits noch weitgehend unreflektiertes) Unwohlsein über bestimmte Auswüchse von Soziologie. Mein Verständnis von Soziologie wurde von der sogenannten “Kölner Schule” geprägt und das obige Zitat von Kecskes et al. (2004: 9) beschreibt zentrale Linien meines soziologischen Forschens. Es gibt, wie oben angedeutet, andere Sichtweisen auf Soziologie und andere Ansätze, Soziologie zu betreiben. Natürlich habe ich auch keine Einwände, wenn soziologische Erkenntnisse jenseits akademischer Debatten in das Feuilleton gelangen und soziologische Erkennntnisse einem breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden (, die sie in den meisten Fällen auch bezahlt und damit ein Recht auf Aufklärung hat). Und natürlich ist es überspitzt, eine Dichotomie von “Feuilletonsoziologie” und “kluge Soziologie” zu beschwören. Doch die theorie-[2] und empirielose Deutung gesellschaftlicher Prozesse in der Form eines (manchmal ideologisch verbrämten) “Ad-hoc-Vermutens” ist lästig und schadet der Disziplin.
Was diesem Beitrag leider fehlt, sind gute Beispiele von “Feuilletonsoziologie”. Ich nehme gerne Vorschläge entgegen.
[1] Eine etwas ältere Liste von Bindestrichsoziologien: Soziologie des Taxis, Soziologie des Twitterns, Soziologie des Shoppings, Soziologie des Ingenieurberufs, Soziologie des Busens, Soziologie des Usenet, Soziologie des Abenteuer- und Risikosports, Soziologie des Fahrstuhlfahrens, Soziologie des Vampirismus, Soziologie des schlechten Geschmacks, Soziologie des Weintrinkens, Soziologie des Lassens, Soziologie des maximal Fremden, Soziologie des Schenkens und der Gabe, Soziologie des Irrenwitzes, …
[2] Ohne soziologische Theorie geht es auch nicht, denn dann wären wir bei einer “Variablensoziologie”.


Interessante Unterscheidung, aber es werden doch einige Dimensionen unterschlagen. Zum Beispiel diese hier:
“high sociology” (theoriefixiert, leicht philosophisch angehaucht, nie wirklich empirisch, aber dafür ausgeklügelt ausformuliert) vs. “low sociology” (empirisch, populär präsentiert, eklektizistisch)
(Und dazwischen dann vielleicht noch sowas wie eine Merton’sche “middle sociology”).
Till
14 Feb 10 at 2:06 pm
Danke für Deine Rückmeldung.
Ich habe ja nie angestrebt, alle Dimensionen zu berücksichtigen (“auf verschiedenen Dimensionen verorten”). Genaugenommen liegt der hier angesprochenen Dichotomie keine eigene Dimension zugrunde.
Wo findet man denn etwas zu “high and low sociology”?
Bernd W.
14 Feb 10 at 4:52 pm
Findet man gar nicht – war meine Analogbildung zu high-brow/low-brow culture (E/U) mit einem DGS-Kongress vor Augen.
Till
14 Feb 10 at 8:22 pm
Zunächst bin ich hoch erfreut, dass mein Tweet (http://twitter.com/sewenz/status/9029647046) zu obigem Post geführt hat. Und obwohl Du schreibst, dass das alles noch etwas unreflektiert ist, finde ich mich und meine Positionen an vielen Stellen wieder. (Hoffentlich nicht, weil sie auch unreflektiert sind…) Hier sind meine ersten (nach kurzem Überlegen: wohl ebenfalls noch nicht allzu reflektierten) Gedanken.
Sehr gefallen hat mir das (so berühmte) Weber-Zitat. Es passt insbesondere deshalb so gut, weil es nicht nur sehr treffend die Hauptaufgabe der Soziologie beschreibt. Es liefert außerdem das Hauptargument meiner Kritik an der Feuilletonsoziologie. Wenn die Soziologie “[...] soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will”, dann ist der Auftrag an die Soziologie ganz offensichtlich (wenigstens nach Weber) Kausalanalyse zu betreiben.
Zu guter Kausalanalyse reicht es aber nicht durch San Francisco zu gehen (siehe die Berichte von Ulrich Beck in der FR weiter unten) und zu beschreiben, was man so beobachtet, tolle (Fremd-)Worte (oft auch Neologismen wie z.B. “Weltinnenpolitik”, “Otto-Normalabweicher” etc.) zu benutzen und/oder möglichst geschliffene und zumeist normativ aufgeladene Sentenzen fallen zu lassen. Gute Kausalanalyse ist letztlich immer empirisch, keinesfalls aber theoriefrei. Diese (und ähnliche) Dichotomien haben noch nie gestimmt, geschweige denn geholfen. Die Ungleichung, die ich in meinem Tweet formuliert habe, ist ja auch keine Dichotomie, wie möglicherweise einige gleich wieder argwöhnen werden und wovon Du, Bernd, Dich auch gleich zu distanzieren versucht hast. Richtigerweise aber eigentlich auch unnötigerweise…
Zurück zur Kausalanalyse: insbesondere in der Soziologie, in der zur Beantwortung vieler Fragen keine Experimente durchgeführt werden können, muss Kausalanalyse theoriegeleitet sein — platt formuliert: woher soll ich sonst wissen, für welche Variablen ich in meiner Regression kontrollieren soll/darf?
Das Eintreten für Kausalanalyse als Hauptaufgabe der Soziologie impliziert — so nebenbei — auch die weitgehende Ablehnung der Variablensoziologie, die nämlich im Allgemeinen keine gute Kausalanalyse ist.
Was kluge Soziologen also der Feuilletonsoziogie und anderen “Auswüchsen” (BW) entgegensetzen, sind nicht einfach Daten, sondern der richtige Umgang damit.
Einigende abschließende Bemerkungen:
–> Pro Feuilletonsoziologie: Ein Freund (Philosoph und Germanist) schrieb mir, dass er gerade durch Zeitungsberichte wie die von Beck und ähnlichen Leuten an die (auch empirische) Soziologie herangetragen worden sei. Na denn. (Er erwähnte auch Heitmeyer, dem ich den Feuilletonsoziologen gar nicht vorwerfe.)
–> Als “Esser-Schüler” fühle ich mich selbstverständlich auch der “Kölner Schule” verbunden (siehe Dein Verweis auf die Allgemeinen Grundlagen) — vielleicht auch einer ganz eigenen “Mannheimer Schule”.
–> Zum Verhältnis von Soziologie und Journalismus/Medien: tatsächlich hielte ich es für sehr wichtig, wenn soziologische Forschung verstärkt in den Medien besprochen würde — bzw. die Journalisten sie zur Kenntnis nähmen und den ein oder anderen Unsinn nicht mehr schrieben. Was wir natürlich nicht brauchen, sind Leute wie Hans-Werner Sinn oder ähnliche Typen, die völlig intransparente und normativ aufgeladene Empfehlungen an die Politik abgeben…
Zum Abschluss noch ein Beispiel für Feuilletonsoziologie: die Serie von die Serie von Ulrich Beck in der FR (http://fr-online.de/beck/ ), scheint mir, passt ganz gut.
Sebastian E. Wenz
16 Feb 10 at 6:45 pm
Danke für Deinen Kommentar! Das Wort “Kausalanalyse” hätte ich durchaus mal fallen lassen können.
Bernd W.
18 Feb 10 at 7:23 am
Während ich ja mit Bernds Eintrag völlig einverstanden war (wie oft schon habe ich gedacht: Da habe ich jetzt so viel Mühe darauf verwendet, zu erklären, was ich da eigentlich mache – und dann kommt so ein Artikel, macht schöne Sätze und die Leute sagen dann: ach sag noch gleich, dass du daran arbeitest) – bin ich mit dieser Engführung überhaupt nicht einverstanden.
Sicher: “nicht einfach Daten, sondern der richtige Umgang damit” stimmt schon, aber ohne hier eine Debatte um qualitative/quantitative Methoden anzuzetteln, denke ich nicht, dass als Gegensatz zu schlechtem Feuilleton nur Kausalanalyse zählt. Und wenn man dazu durch SF geht, kein Problem: Hauptsache methodisch reflektiert und mit Feldtagebuch.
Zuletzt noch: Die Lösung besteht sicher nicht darin, von den Journalisten zu fordern, sie sollen doch Soziologie zur Kenntnis nehmen. Ich höre jetzt schon die nächste Klage: “Wissenschaftsjournalisten != Wissenschaftler ^ Wissenschaftsjournalisten != Journalisten”. Es kann auch sehr sinnvoll sein, Forschungsergebnisse mal nicht akademisch, sondern für ein breiteres Publikum zu hinterlassen.
Jan-H. Passoth
18 Feb 10 at 9:07 am
@Sebastian:
Das Problem mit einer Definition der Soziologie, also der Festlegung, was Soziologen so machen, bzw. machen sollten, ist doch, dass eben nicht alle damit einverstanden sind. Und “Feuilleton”-Soziologie ist wohl auch keine Verwirrung von einigen Wenigen – siehe z.B. die Presidential Adress der ASA 2004 (http://www.jstor.org/stable/4145348).
Generell stimme ich zu, dass die Soziologie eine bessere Kommuninikation nach draußen gut vertragen könnte. Ein Artikel in der Zeit oder auch in der APUZ, oder, wenn man ganz weit gehen will, ein Auftritt bei Anne Christiansen ist eben einfach nicht so verdienstvoll wie ein gut platzierter Fachartikel (ich weiss, das ist eine Binsenweisheit, fehlte mir aber doch in dieser Diskussion).
Klaus Pforr
18 Feb 10 at 6:16 pm
Zu den Äußerungen von Till sei gesagt, dass die gemachte Unterscheidung in “high” und “low sociology” eine Unterscheidung zweier Typen ist. Das zu erkennen ist deshalb wichtig, weil sich die beiden Typen ja auf mehreren Dimensionen unterscheiden, die auch für die Unterscheidung von “kluger Soziologie” und weniger kluger Soziologie im Allgemeinen oder Feuilletonsoziologie im Speziellen relevant ist. (Beide sind ja auch Typen und keine Dimensionen!) Beispiel: eine (soziologische) Kausalhypothese zu überprüfen erfordert i.d.R. sowohl eine gute theoretische Fundierung, als auch empirisches Vorgehen.
Jan danke ich für die guten und kritischen Anmerkungen. Ich habe meinerseits Folgendes dazu zu sagen: Ich glaube, dass qualitative Methoden sehr wichtig für Kausalanalyse sind bzw. sein können; wenn sie richtig angewandt werden, sind qualitative Methoden ein ganz tolles Werkzeug, das es erlaubt Theorien aufzustellen und zu verfeinern. Was die qualitativen Methoden i.d.R. nicht erlauben ist das systematische Überprüfen von Hypothesen. Die Frage, inwieweit es ethnische Diskriminierung im deutschen Bildungssystem gibt, ist mit qualitativen Methoden alleine eben nicht zu beantworten — auch die Beckschen Hypothesen sind das nicht… (Im Übrigen kann das Umhergehen in San Fran auch schnell zu quantitativ auswertbaren Daten führen.) Fazit dieses kleinen Abschnitts hier aus meiner Sicht: die Webersche Forderung nach der Kausalanayse, die ich mir zu Eigen gemacht habe, ist mitnichten eine Forderung nach (ausschließlichem) Einsatz quantitativer Methoden.
Zum Verhältnis Soziologen und Journalisten (siehe die Bemerkungen von Jan und Klaus): da gebe ich Euch beiden absolut Recht. Ich habe meine Position oben auch stark verkürzt (und damit missverständlich) wiedergegeben. Ich glaube schon länger, dass es in der Tat auch die Soziologen sind, die sich — mit der gebotenen Distanz und Nüchternheit — in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen sollten. Für so etwas wurden u.a. Pressemitteilungen erfunden. Zwei gelungene Beispiele: http://idw-online.de/de/news330675 und http://idw-online.de/pages/de/news354683 Eine tolle Seite, die sozialwissenschaftliche (hauptsächlich sozialpsychologische) Forschungsergebnisse kommuniziert, ist http://www.forschung-erleben.uni-mannheim.de/ Mir ist wirklich wichtig, dass ich keinen soziologischen Hans-Werner Sinn haben möchte — das ökonomische Pendant zum Feuilletonsoziologen scheint mir der Talkshowökonom zu sein (es gibt ja noch mehr davon).
Aber auch ein einführendes Seminar zur Kausalanalyse in den Sozialwissenschaften an einer Journalistenhochschule wäre bestimmt eine gute Sache. (Das will ich schon länger machen, nur bräuchte man dazu sicher ein/zwei Profs und promovierte Leute, die das unterstützen bzw. sich aktiv einbringen, sonst wird man nur ausgelacht… Wer Lust hat mitzumachen, der melde sich!) Und noch was: gibt es eigentlich außer mir noch mehr Menschen, die sich wundern, warum es im deutschen Fernsehen — meinem subjektiven Eindruck nach — unzählige Sendungen gibt, in denen uns erklärt wird, was einen schnellen Brüter von einem Leichtwasserreaktor unterscheidet und was die Haut eines Haifischs mit den Goldmedallien einiger Schwimmer zu tun hat, aber wirklich nirgends ein paar enführende Gedanken in sozialwissenschaftliche Forschung referiert werden? (Das deutsche Radio ist hier etwas besser…)
Äh, ja. Scheint ein bisschen sehr viel geworden zu sein. Verzeihung.
Sebastian E. Wenz
19 Feb 10 at 8:25 pm
@ Jan-H. Passoth, 18 Feb 10 at 9:07 am
Sebastian ist darauf schon eingegangen, aber ich möchte auch noch einmal betonen, dass auch ich (auch nicht im gedanklichen Hinterstübchen) keine Debatte um “qualitative/quantitative Methoden anzetteln” möchte. Dass man auch methodisch reflektiert durch SF gehen kann, ist natürlich richtig.
Mir ist nicht ganz klar, wer diese Klage anstimmen sollte. Wissenschaftsjournalisten wie Lars Fischer oder Marcus Anhäuser (nur zwei Beispiele) zeigen in gelungener Weise, wie das Festhalten an wissenschaftlichen Methoden mit der (manchmal notwendigen) vereinfachenden journalistischen Schreibe verknüpft werden kann.
Ganz ehrlich, das habe ich nicht ganz verstanden. Wem erklärst Du was? Und welche Einsicht kommt woher?
@ Klaus Pforr, 18 Feb 10 at 6:16 pm
Deswegen können das auch gerne die gesetzteren Leute machen
; ich bin eh nicht scharf darauf, ins Fernsehen zu kommen. Und das in der Wissenschaft viele Dinge nicht belohnt werden, ist tatsächlich eine “Binsenweisheit”, aber vielleicht ändern sich (Belohnungs-)Strukturen, wenn man es häufig genug wiederholt.
@ Sebastian E. Wenz, 19 Feb 10 at 8:25 pm
Ja, ich!
Keineswegs, ich habe Deine Antworten mit Interesse und Zustimmung gelesen.
Bernd W.
20 Feb 10 at 10:17 am
1. Dass meine Unterscheidung eine von Typen ist, ist richtig. Genauer gesagt, ist es sowas wie eine vorwissenschaftliche, aus der eigenen Erfahrung heraus gemachte Typenbildung, die – wenn wir im Methodenspektrum/-streit bleiben wollen
– nur über gut dokumentierte qualitative Beobachtung und eine systematische Auswertung (sowie die Reflektion des eigenen Beobachtungsbias’) empirisch zu untermauern wäre.
2. Zur Frage Soziologie und/oder Journalismus: wenn ich mich an die Eßbach’sche Einführungsvorlesung in Freiburg* – und sein Einführungsbuch – noch richtig erinnere, dann ist eine zentrale Wurzel der Soziologie (neben der “Policeywissenschaft” und den üblichen Wurzeln in Nationalökonomie usw.) eben der (investigative, an Reportagen orientierte, sozial interessierte) Journalismus.
* soviel zum Thema Schulen …
Till
20 Feb 10 at 1:49 pm
Ich bin trotz der Auflistung verschiedener Beispiele für “guten” sozialwissenschaftlichen, bzw. generell guter wissenschaftlichen Journalismus eher pessimisisch, oder besser gesagt, der Meinung, dass eine großer Teil der journalistischen Autoren- und Leserschaft kein Interesse an der hier dargestellten wissenschaftlichen Berichterstattung hat.
Das hat m.E. nach im Wesentlichen drei Gründe. Erstens ist die Disziplin schon in ihrer Selbstwahrnehmung scharf gespalten, was ja hier auch schon angesprochen wurde. Mir fallen spontan neben dem Quali-Quanti-Streit z.B. der Positivismus-Antipositivismus-Streit und der Modernismus-Postmodernismus-Streit ein, man kann die Liste sicher noch verlängern.
Die Disziplin wird aber auch von aussen sehr unterschiedlich gesehen, und m.E. vor allem völlig anders, als es die Autoren der vorherigen Posts und auch ich tun. Der aktuelle englischsprachige Wiki-Eintrag zu Soziologie beginnt mit folgender “Definition”:
“Sociology is the study of society. It is a social science (with which it is informally synonymous) that uses various methods of empirical investigation and critical analysis to develop and refine a body of knowledge and theory about human social activity, often with the goal of applying such knowledge to the pursuit of social welfare.”
Schon hier wird die kritische Theorie als integraler Bestandteil der Soziologie dargestellt, die sich m.E. mit ethischen Fragestellungen beschäftigt, d.h. dem in diesen Posts propagierten Wissenschaftsbild krass widerspricht. Das spiegelt sich in ähnlicher Weise im deutschen Wiki-Eintrag. Hier sind ca. 1/5 der aufgeführten wichtigen Soziologen reine Philosophen, zwei der fünf “zeitgenössischen soziologischen Ansätze” (kritische Theorie und objektive Hermeneutik) rein philosophische Disziplinen.
Der dritte Grund ist, dass die Öffentlichkeit m.E. auch einen Bedarf an die Soziologie stellt, der mit dem emprischen, nach-popperianischen Ansatz nicht erfüllt werden kann. Feingeistige “Feuilleton”-Soziologie spricht einen Bedarf nach Antworten auf die klassische kantsche Frage “Was soll ich tun?” an und nicht “Was ist der Mensch?” oder wg. mir noch “Was kann ich hoffen?”. Dieser Bedarf wächst sich auf der naturwissenschaftlichen Seite zum Szientizismus aus.
Kurz gesagt sammeln sich m.E. weltweit unter dem Begriff Soziologie Leute, die völlig unterschiedliche Auffassungen vom Betreiben von Soziologie haben. Der Unterschied geht über eine Definition der wissenschaftlichen Praxis hinaus, da teilweise auch eine wissenschaftliche Soziologie an sich abgelehnt wird. Weiterhin glaube ich, dass man mit dieser krassen Pluralität leben muss, wenn man sich nicht in ständigen selbstreferenziellen Graben- und Glaubenskriegen aufreiben will (ich halte es für ein gutes Zeichen, dass die Seite der DGS im Gegensatz zur ASA ohne eine Definition der Soziologie auskommt).
Klaus Pforr
20 Feb 10 at 2:01 pm
@Klaus Pforr: “objektive Hermeneutik” ist ja wohl eine qualitative Forschungsmethode – und keine philosophische Disziplin. Oder stehe ich jetzt völlig auf der Leitung?
Mal abgesehen davon lässt sich über die Frage, wo Soziologie aufhört und wo Philosophie anfängt, trefflich streiten. Im amerikanischen Kontext genauso nett wäre vermutlich eine Debatte über die Grenze anthropology / sociology.
Till
21 Feb 10 at 11:04 pm
Als Nachtrag, weil ich mich beim letzten Mal scheinbar nicht besondern sauber ausgedrückt habe: Ich habe mit meinem Hinweis auf “reflektiertes durch SF gehen” gerade nicht aus der Frage eine Quali/Quanti-Diskussion machen wollen. Statt dessen wollte und will ich noch immer ganz im Gegenteil davor warnen, mit der klaren Festlegung auf ein Paradigma oder eine Schule (ob nun Mannheim, Köln, Bielefeld oder Paris) eben eine solche anzuzetteln.
Ich stimme Klaus Pforr völlig zu: man kann das auch noch weiter treiben. Nicht nur müssen wir mit der Vielheit des Faches leben, sie ist es geradezu, die dem Fach seine Stärke gibt. Gute Feuilletonsoziologie ist, soweit hänge ich mich dann auch aus dem Fenster, gerade die, die diese Vielheit vermitteln und als etwas wünschenswertes darstellen kann.
@bernd: Mit meiner Klammer meinte ich Konkretes. Ich arbeite ja zum Einbau von Algorithmen, Techniken und Apparaten in Praxis. Das letzte mal, das mir das, was ich beschrieb, passierte, war, als Schirrmachers “Payback” herauskam.
Jan-H. Passoth
21 Feb 10 at 11:07 pm